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Foto: U. Kießling

Zur Aufarbeitung eines Missbrauchskomplexes

Das Dunkelfeld im Heidelberger Institut für analytische Kinder und Jugendlichen-Psychotherapie

Reflexionen zum Bericht des mit der Aufarbeitung beauftragten Instituts (IPP München) und ein Beitrag zur Missbrauchsdebatte in weltanschaulich geprägten Bildungs- und therapeutischen Einrichtungen.

[Achtung: Dieser Beitrag thematisiert sexualisierte Gewalt. Es werden Handlungen geschildert, die für Betroffene belastend und retraumatisierend sein können.]

Mit der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts „Irgendwann muss doch mal Ruhe sein“ über institutionelles Ringen um Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch an einem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, steht uns erstmals eine differenzierte Chronik eines Missbrauchskomplexes zur Verfügung, in der eine Institution untersucht wird, deren Ziel in der Ausbildung von Kindertherapeut:innen und in der qualifizierten Behandlung emotional verletzter Kinder und Jugendlicher besteht. Aus meinen Erfahrungen mit diesem Thema ist der Impuls entstanden, die Vorgänge an diesem Institut nicht isoliert zu betrachten. Ich unterstelle, dass es strukturelle Gemeinsamkeiten gibt, die für die Psychoanalyse, für die katholische Kirche sowie für Institutionen der Reformpädagogik gleichermaßen anzutreffen sind.

Vorgeschichte

Der langjährige Leiter stand dem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie über fast 20 Jahre von 1975 bis 1993 vor. In dieser Zeit ist es in 32 Fällen zu nachweislichen sexuellen Übergriffen gekommen, zudem gibt es diverse weitere Taten, die nicht eindeutig zugeordnet werden können. Das Tatmuster ist heterogen und reicht von einem vierjährigen Patienten, dessen Geschlechtsteil F. rieb, einem 14-jährigen weiblichen Opfer sexualisierter Gewalt, dessen Missbrauchserfahrung F. selbst teilnehmend, noch einmal nachspielen ließ bis hin zu zwei jugendlichen Patientinnen (18), die der Therapeut nach der Therapie in Beziehungen verwickelte, wobei die jungen Frauen jeweils schwanger wurden. Bereits als jüngere Jugendliche war eine als Patientin von F. intrusiv zu ihren sexuellen Erfahrungen befragt worden, ein Sohn wurde angeblich unmittelbar nach dem Ende der Therapie gezeugt; nachdem es zu einer zweiten Schwangerschaft mit F. gekommen war, wurde sie von ihrem früheren Therapeuten geheiratet. Zudem gab es intime Verhältnisse mit Ausbildungskandidatinnen und mit etwa 5 Lehranalysandinnen.

Tatumstände

Im Institut etablierte sich über Jahre eine Atmosphäre der Verleugnung dieser Taten, wobei sowohl akademische Funktionsträger, mit denen F. befreundet war, seinen Nimbus von professioneller Kompetenz befestigten, als auch im Institut selbst eine doppelte Buchführung etabliert werden konnte. Aus der Gruppenforschung gibt es einen Begriff von Anneliese Heigl-Evers, den der psychosozialen Kompromissbildung, bei dem in einer Gruppe ein Konflikt nicht ausgetragen werden muss, weil die Konsequenzen aus dem Vorstellungsraum herausgehalten bleiben. Matthias Hirsch schreibt in seinem Vorwort zum Bericht des mit Aufarbeitung beauftragten Instituts, „typischerweise bewirke das Aufdecken der Missbrauchskultur in Institutionen eine gruppendynamische Spaltung in einen Teil, der den Täter weiter idealisiert, seine Verdienste hochhält und seine Taten bagatellisiert, und einen anderen, der um Klärung und Anerkennung der Realität bemüht ist. Gelingt eine Integration dieser gespaltenen Untergruppen durch (natürlich heftige emotionale Auseinandersetzung (auch durch externe Hilfe) nicht, kann das Institut nicht überleben …“ (Hirsch in Caspari et al., S. VII).

Während wissenschaftliche Studien dieses Phänomens oft nur limitierte Einsichten ermöglichen, der limitierende Faktor ist die methodische Begrenzung der Interpretation der bekannten Daten; weisen literarische Arbeiten bereits aus den 90er-Jahren auf die Bekanntheit massiver Grenzverletzungen in der psychoanalytischen Ausbildung hin. So beschreibt das damalige Fakultätsmitglied an der Harvard Medical School, Steven Bergmann, unter dem Pseudonym Samuel Shem schwerste Formen des Macht-, sexuellen und narzisstischen Missbrauchs in der Ausbildungszeit seines Protagonisten. In Batia Gurs fiktiver Beschreibung der Verhältnisse am Psychoanalytischen Institut in Jerusalem finden massive Indoktrination und Machtkämpfe statt, nicht einmal vor der Ermordung seiner Gegner wird zurückgeschreckt.
H. Sebastian Krutzenbichler und Hans Essers zeigen in Ihrem Buch Übertragungsliebe, Psychoanalytische Erkundungen zu einem brisanten Phänomen, wie seit der Frühzeit der Psychoanalyse immer wieder heftigste Abstinenzverletzungen auftraten. Der ursprüngliche Titel, „Kann denn Liebe Sünde sein“ gibt die Ambivalenz des Geschehens noch besser wieder: Wenn ich mich denn wirklich verliebe, in diese Person, warum darf ich mein Begehren dann nicht leben, nur weil ich als Therapeut, Seelsorger, Beichtvater oder Lehranalytiker einem „Abstinenzgebot“ unterliege?

Anne Marie Sandler beleuchtet die hochproblematische Beziehung von Donald Winnicott und Masud Khan, sowie die heftigen Abstinenzverstöße Khans in dessen Folge.                                    

Die darin beschriebenen Personen sind keinesfalls Außenseiter des Fachs, sondern ihre absoluten Koryphäen.

Rechtliche und wissenschaftliche Bewertung

In Deutschland ist erst seit 1999 der sexuelle Missbrauch an Erwachsenen in therapeutischen Abhängigkeitsverhältnissen [1] unabhängig von ihrer Zustimmung verboten. Der sexuelle Missbrauch von Kindern ist jedoch dies schon viel länger, seit 1973 unter diesem Begriff und zuvor unter dem Begriff der „Unzucht an Schutzbefohlenen“.

Eine so umfassende Schilderung der Ereignisse, wie am Heidelberger Institut, liegt uns bisher nicht vor. Zwar liefern Selbstzeugnisse von Betroffenen und literarische Arbeiten ähnlich komplexe Darstellungen, ihnen haftet jedoch als limitierender Faktor die Subjektivität bzw. Fiktionalität der Texte an. 

Mit der Heidelbergstudie, die aus einer sozialpsychologischen Perspektive, das interaktive Geschehen sehr deutlich werden lässt, wird eine neue Qualität der Untersuchung solcher Prozesse erreicht. Die dyadischen Prozesse bleiben dagegen eher unverstanden. Die „Verursacher“ der asymmetrischen Handlungsdialoge, also die Täter, werden sichtbarer als ihre Opfer, wobei die vom Institut für psychosoziale Prävention an der Uni Heidelberg transkribierten und digitalisierten Tagebücher Fahrichs, die differenzierte Reflexionen über seine Motive möglich machen würden, nicht systematisch in die Untersuchung einfließen. Einige Zitate weisen eher auf einen impressionistischen Gebrauch des Textes. Die Studie folgt methodisch dem Konzept der „Grounded Theory“, (Strauss 1991), das heißt aus den erhebbaren Materialien, seine es Interviews, Tagebuchaufzeichnungen oder Protokolle wird eine eigene hermeneutische Theorie (gegenstandsbezogen) entwickelt, die für diesen konkreten sozialen Ort empirisch begründet ist.

Auf der Ebene des Instituts waren viele Kolleg:innen mit dem Verhalten ihres Leiters durchaus vertraut und zogen ihren persönlichen Nutzen daraus. Es gab mehrfach Anläufe F. aus seinen Funktionen zu entfernen und ihn mit seinen Taten zu konfrontieren, was aber erst relativ spät gelang. Sowohl am Erwachseneninstitut (Psychoanalytisches Institut Heidelberg/Mannheim) an dem F. als Dozent und Lehranalytiker tätig war, als am KJP Institut Heidelberg gab es über Jahre Gerüchte über Grenzverletzungen sowohl gegenüber Ausbildungskandidatinnen als auch gegenüber Patient:innen. F. behauptete nach seinem Ausscheiden aus dem Institut, derartiges Verhalten sei wie ein Kavaliersdelikt behandelt worden, was ich aber bezweifle, weil erstens die Verhaltensweisen F.s rechtlich strafbewehrt waren und auch standesrechtlich zumindest mit Ausschluss aus der professionellen Community bedroht; vielmehr scheint von Anfang an Verleugnung der Realität als teilweise unbewusste Abwehr eine Rolle gespielt zu haben.

Obwohl es bis in die Gegenwart immer wieder Abstinenzverstöße an psychoanalytischen Instituten gibt (und ich vermute auch an Ausbildungsinstituten anderer Provenienz ebenso), ist mir auch historisch kein Fall bekannt geworden, der ähnliches Ausmaß erreicht hätte. Douglas Kirsners herausragende Pionierarbeit „Unfree Associations“, zeigt die verbreitete Nutzung der Lehranalyse zur Indoktrination und die Folgen massiver Machtkämpfe (in New York, Chicago, Boston und Los Angeles auf dem Höhepunkt der amerikanischen Ich-Psychologie) jedoch keine Fälle von massivem sexualisiertem Machtmissbrauch.

Allein der literarische Text Samuel Shems beschreibt ein Szenario, das sich mit Heidelberg in etwa vergleichen ließe.

Ich möchte die Hypothese verfolgen, dass viele der beteiligten Professionellen in einen unauflösbaren Loyalitätskonflikt verstrickt waren, der bei einigen wahrscheinlich psychotisches Ausmaß (Verlust der Realitätsprüfung) erreicht hatte[2].

Vertuschung und Realitätsverleugnung als Bewältigungsstrategie

1993 musste Hermann F. das Institut verlassen, konnte aber in der Umgebung weiterhin als Kinder- und Jugendlichenpsychiater, Psychotherapeut und Gutachter weiterarbeiten, wo es weiterhin zu gravierenden sexualisierten Grenzverletzungen Kindern gegenüber kam. „Im März 2017 wird F. sexueller Missbrauch an seiner Enkeltochter nachgewiesen.Aufgrund einer Anzeige seiner Tochter bei der Bezirksärztekammer Nordbaden wird M. mit Wirkung zum 01.01. 2014 die ärztliche Approbation entzogen.“(Caspari et al. S. 47) F. ignoriert die Rechtsfolgen und betätigt sich weiterhin als Gutachter. „Im Juni 2016 erstattet eine Tochter F.s Strafanzeige gegen ihren Vater wegen sexuellen Missbrauchs an ihrer zu diesem Zeitpunkt vierjährigen Tochter.“

Erst im Vorfeld des Prozesses gegen ihn gab F. seinen Wohnsitz in der Nähe Heidelbergs auf und zog nach Berlin.

„Der renommierte Heidelberger Arzt und Psychotherapeut Hermann F., 86, äußert sich gegenüber der Wochenzeitung DIE ZEIT erstmals zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen, er habe Patientinnen und Auszubildende sexuell missbraucht. Während einer Therapie entstehe große Nähe, „dadurch, dass einem alles erzählt wird“. Da sei es fast zwangsläufig, dass man sich auch persönlich näherkomme. Außerdem seien Affären mit Patientinnen über viele Jahre als ‚Kavaliersdelikt‘ betrachtet worden, so F., der von 1975 bis 1993 das Heidelberger Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie leitete.“ „Die Zeit“ vom 16.08.2018

Erst 2017 wurde F. wegen 11-fachen Missbrauchs an seiner vierjährigen Enkeltochter (Betasten der Genitalien) zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Die Richterin lehnte es ab, Fälle aus der Vergangenheit (u.a. Taten am Heidelberger Institut) in Zusammenhang mit der Verhandlung heranzuziehen, obwohl sich Zeugen zu diesem Tatkomplex beim Gericht gemeldet hatten. Die Anklagebehörde war auf eine Anzeige seiner Tochter hin tätig geworden. 2019 starb F. infolge einer schweren Erkrankung.

Vergleich der Heidelberger Problematik mit den Fällen in Oberhambach und an katholischen Internatsschulen

Meine Absicht, den Heidelberger Fall mit dem Missbrauchs-Komplex der Odenwaldschule und mit sexualisierten Übergriffen in katholischen Internaten, konnte ich aus Zeitgründen nicht mit der gebotenen wissenschaftlichen Sorgfalt durchführen, doch einige Parallelen sind evident:

Die Parallelität dieser Tatkomplexe ergibt sich aus dem Status der betroffenen Einrichtungen als hervorragende Institutionen ihrer jeweiligen Bestimmung, wobei die Missbrauchstaten zu den Bezugstheorien (Psychoanalyse, katholische Theologie, partnerschaftliche Erziehung von den Bedürfnissen des Kindes aus) jeweils in krassest denkbarem Konflikt stehen und nach den Regeln der jeweiligen Lehren niemals vorkommen dürften. Ein Verstoß gegen diese Regeln in Form einer Missbrauchstat wird als eine so eklatante Verfehlung angesehen, dass sie sich mit dem Selbstbild der professionellen Akteure niemals vereinbaren ließ. Es handelt sich also um Taten, die umso mehr der Verleugnung bedürfen, als die jeweilige Lehre als unfehlbar idealisiert wird. Ein professioneller Protagonist dieser Institutionen kann nicht maligne destruktiv handeln, da die Begründung seines Tuns einen Pfad zur Humanisierung der Gesellschaft, ja des Menschen schlechthin umfasst. Dass Menschlichkeit auch die Möglichkeit des Scheiterns umfasst, wird ausgeblendet, umso mehr, als es sich bei den in Rede stehenden Taten um systematische Regelbrüche handelt, also einen Tatkomplex, den die forensische Psychologie als Gewohnheitsverbrechen von Hangtätern beschreiben würde. 

Für eine systematische wissenschaftliche Auswertung fehlt mir der Zugriff zu den Originaldokumenten, ich habe ausschließlich Zugang zu journalistischen erarbeiteten Materialien, zu Untersuchungsberichten, wie dem der (IPP München) und zu vereinzelten Berichten, die Betroffene oft erst als Erwachsene. Ich möchte meinen essayistischen Text als ein Nachdenken über die Konsequenzen des Missbrauchskomplexes in therapeutischen und Bildungseinrichtungen beschreiben, bei dem eine unvermeidlich asymmetrische Beziehung zwischen Akteuren der Institution und ihren Nutzern besteht.

Limitation meiner Untersuchung

Meine verallgemeinernde Betrachtung ist insofern nötig, als ich in den Texten zu den verschiedenen Missbrauchskomplexen auf Gemeinsamkeiten gestoßen bin, die anderen Orts nicht angemessen gewürdigt worden sind oder überhaupt nicht dargestellt werden. Andererseits gibt es auch Fälle von Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen in Institutionen, die eindeutig krimineller Natur sind und vermutlich auch mit emotionalen Störungen bei den Tätern einhergehen (vorzugsweise narzisstische Pathologien wie narzisstische Persönlichkeitsstörungen, dem Syndrom des malignen Narzissmus und antisoziale Persönlichkeitsstörungen im Sinne Kernbergs[3]). Dazu zählt die Mehrzahl der Gewalt und Missbrauchsfälle in Kinderheimen, bei denen keine Idealisierung des professionellen Tuns durch die Täter vorausgeht.

Der Traum vom besseren Menschen

Psychoanalyse, katholischer Glauben, Reformpädagogik sind jeweils institutionalisierte Diskurse, die den besseren Menschen schaffen wollen: Die Absolventen der genannten Einrichtungen werden als besonders kreativ, emotional authentisch, und ihren Werten gegenüber glaubwürdig, aber trotzdem als leistungsfähig und besonders belastbar imaginiert. Psychoanalytikerinnen, Priester und Reformpädagoginnen produzieren nichts materiell fassbares, quantifizierbares, Geld-wertes; es geht immer um das jeweilige Subjekt in seiner ganzen Komplexität und Einzigartigkeit. Keineswegs wäre man bereit, sich mit anderen Therapeuten, Lehrern oder Geistlichen auf eine Stufe zu stellen, die ja ebenfalls Leiden verringern, Wissen schaffen oder spirituelle Räume.

In der Psychoanalyse, wie im katholischen Christentum, aber auch wie an reformpädagogischen (etwa anthroposophischen) Seminaren, gibt es keinen offenen Zugang für jeden, der die Bildungsvoraussetzungen erfüllt: Entscheidend ist die „charakterliche“ Eignung, die durch Aufnahmeinterviews, durch Novizenschaft aber eben auch durch Teilhabe an eine besondere Initiation kreiert wird. Daraus entstehen besondere Loyalitäten, die auch im Fall des Versagens Einzelner nicht infrage gestellt werden. Der Glaube steht über der Realität; die Realitätsprüfung wird fragil, wenn sich Dinge ereignen, die der jeweils geltenden Glaubensdoktrin widersprechen, etwa der Missbrauch von Menschen in asymmetrischen Beziehungen.

Der Topos einer privilegierten sexuellen Beziehung (im Sinn des pädagogischen Eros) wie in der Vorstellung Platons oder Ovids scheint eine Rolle zu spielen, als rationalisierende, ungeschehen machende, Abwehrformation. Lehrer und Schüler und wo möglich auch Schülerin begegnen sich dann als Akteure, die nicht den allgemeinen moralischen Regeln unterworfen sind, weil es sich um Subjekte außerhalb konventioneller Standards handelt. Solange beide Seiten an einem Kokon gemeinsamer Idealisierung teilhaben, gelingt es ihnen, die Zweifel über die Legitimation der Beziehung auf eine, als kleinbürgerlich beschränkt imaginierte Außenwelt zu projizieren.

Bricht diese realitätsverleugnende Abwehr zusammen, kommt es in der Regel zu schmerzhaft erlebter Entwertung der sich zuvor als ideale Liebende betrachtenden. 

Ähnliche Mechanismen spielen auch als institutionalisierte Abwehr in Sinne von Stavros Menzos eine Rolle. Vor allem für das Heidelberger Institut, aber auch für die Odenwaldschule, wurden Szenen beschrieben, wie die „Institutsöffentlichkeit“ die individuelle Phantasie stützt, außerhalb der moralischen Regeln zu stehen, die für die Allgemeinheit gelten. Einen wichtigen Beitrag spielen auch Beziehungen zu mächtigen Freunden, die ihrerseits idealisiert werden (der Direktor der Psychosomatischen Universitätsklinik z. B.) und auf deren Integrität die eigene Passivität abgeschoben werden kann [wenn Herr Professor R. den F. nicht zur Rede stellt, sondern ihm öffentlich zu seiner erneuten Vaterschaft mit einer ehemaligen Patientin gratuliert, wie soll ich dann als Ausbildungskandidatin dagegen rebellieren].

Eine weitere Besonderheit in diesen Institutionen ist die Vorstellung, dass die Absolventen, um später selbst zu Vertretern des wahren Glaubens aufzusteigen, während ihrer Ausbildung besonderen Härten und speziellen Prüfungen ihrer Belastbarkeit unterzogen werden sollten, die sie qualifizieren, etwa nach dem Konzept des posttraumatischen Wachstums. Die jahrelangen, selbst zu finanzierenden, Lehranalysen etwa, haben unter anderem den Sinn, sich als Teil einer Elite wahrzunehmen, die über den allgemeingültigen Regeln steht. Dass die Verschwiegenheitspflicht der Analytiker in etwa dem Beichtgeheimnis des katholischen Klerus entspricht, ist sicher kein Zufall. Es sind jedenfalls die einzigen Beispiele einer professionellen Schweigepflicht, die die derart privilegierten Personen ausdrücklich über das Gesetz, das für alle gleichermaßen gilt, heraushebt (Zeugnisverweigerungsrecht).

Literatur:

Peter Caspari, Helga Dill, Cornelia Caspari, Gerhard Hackenschmied (IPP München, 2021): Irgendwann muss doch mal Ruhe sein!

Institutionelles Ringen um Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch an einem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, mit einem Vorwort von Matthias Hirsch, Wiesbaden: Springer VS

Mathias Hirsch (2012) : „Goldmine und Minenfeld“. Liebe und sexueller Machtmissbrauch in der analytischen Psychotherapie und anderen Abhängigkeitsbeziehungen. Gießen: Psychosozial-Verlag

Ulrike Hoffmann, Jörg M. Fegert, Andreas Jud, Vera Clemens und Miriam Rassenhofer (2021):
Schutz vor Gewalt und Übergriffen in medizinischen Institutionen – Ursachen, Häufigkeiten und Implikationen für die Praxis   in: Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 70: S. 64 – 83 (2021), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Jörg M Fegert, Kathleen Schnoor, Cornelia König, Detlef Schläfke (2006): Psychiatrische Begutachtung in Sexualstrafverfahren.Eine empirische Untersuchung von Gutachten zur Schuldfähigkeit bei jugendlichen, heranwachsenden und erwachsenen Beschuldigten in

Annelise Heigl-Evers, Franz Heigl (1978): Konzepte der analytischen Gruppenpsychotherapie. 2., neu bearbeitete Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Mathias Hirsch (2012): „Goldmine und Minenfeld“. Liebe und sexueller Machtmissbrauch in der analytischen Psychotherapie und anderen Abhängigkeitsbeziehungen, Gießen: Psychosozial

Heiner Keupp,[4] Florian Straus, Peter Mosser, Wolfgang Gmür & Gerhard Hackenschmied (2017): Sexueller Missbrauch und Misshandlungen in der Benediktinerabtei Ettal: Ein Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung. Wiesbaden: Springer VS,

Heiner Keupp, Florian Straus, Peter Mosser, Wolfgang Gmür & Gerhard Hackenschmied (2017): Schweigen – Aufdeckung – Aufarbeitung: Sexualisierte, psychische und physische Gewalt im Benediktinerstift Kremsmünster. Wiesbaden: Springer VS,

Heiner Keupp, Peter Mosser, Bettina Busch, Gerhard Hackenschmied & Florian Straus (2019): Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend: Forschung als Beitrag zur Aufarbeitung. Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt – eine sozialpsychologische Perspektive. Wiesbaden Springer VS

Douglas Kirsners (1998, überarbeitete Ausgabe 2009) „Unfree Associations“: Inside Psychoanalytic Institutes, New-York: Jason Aronson

H. Sebastian Krutzenbichler, Hans Essers (1991): Muss denn Liebe Sünde sein? Über das Begehren des Analytikers, Freiburg (Breisgau):  Kore Verlag

H. Sebastian Krutzenbichler, Hans Essers (2019): Übertragungsliebe, Psychoanalytische Erkundungen zu einem brisanten Phänomen, Gießen: Psychosozial

Stavros Menzos (1976): Interpersonale und institutionalisierte Abwehr. Frankfurt: Suhrkamp

Anne Marie Sandler (2007): Reaktionen der psychoanalytischen Institutionen auf Grenzverletzungen – Masud Khan und Winnicott. In: Sylvia Zwettler-Otte (Hrsg.): Entgleisungen in der Psychoanalyse. Berufsethische Probleme. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Anselm L. Strauss (1991): Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung, München: Fink

Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs
Mitglieder: Prof. Dr. Sabine Andresen (Vorsitzende), Dr. Christine Bergmann, Prof. Dr. Peer Briken, Matthias Katsch, Prof. Dr. Barbara Kavemann, Prof. Dr.Heiner Keupp, Brigitte Tilmann
Rechte und Pflichten: Aufarbeitungsprozesse in Institutionen, Empfehlungen zur Aufarbeitung
sexuellen Kindesmissbrauchs in: www.aufarbeitungskommission.de Zugriff am 25.01.23

Sylvia Zwettler-Otte (Hrsg., 2007 ): Entgleisungen in der Psychoanalyse. Berufsethische Problem. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht ‎

Belletristik

Gur, Batia (1994): Denn am Sabbat sollst du ruhen. München: Goldmann

Samuel Shem ( 1997): Mount Misery, München: Droemer Knaur

Moritz Aisslinger und Stephan Lebert: Missbrauch in der Psychotherapie. Das kranke System des Doktor F.; Wie ein renommierter Heidelberger Therapeut seine Patientinnen missbrauchte und jahrzehntelang von Kollegen gedeckt wurde. in: Die Zeit vom 15.08.2015 www.zeit.de zuletzt aktualisiert 16. Aug. 2018  Zugriff am 24.01.23

Micha Brumlik: Von Athen in den Odenwald. Die Verirrungen der deutschen Reformpädagogik https//taz.de/Die-Verirrungen-deutscher-Reformpaedagogik  taz vom 15.03.2010 Zugriff am 07.02.2023

Aufarbeitung in Heidelberg: Sexuelle Gewalt am Institut für Psychotherapie www.faz.net Zugriff am 24.01.23, letzte Aktualisierung am 26.01.2022 Mauern des Schweigens


[1]STGB §174c Sexueller Missbrauch unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses

[2]Auch die Anerkennung des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule hat eine ähnlich lange „Inkubationszeit“von ca. 10 Jahren vom ersten Bericht in der „Frankfurter Rundschau“ bis zur Wahrnehmung durch die Justiz und die Öffentlichkeit                                                                                                                                                                                                                           
[3]Differenzierter bei Mathias Hirsch (2012)
[4] Keupp war auch Chairman des Münchner Instituts für Praxisforschung (IPP), das am 7. März 2013 eine wissenschaftliche Studie zu den Missbrauchsfällen im Kloster Ettal, sowie am 27. März 2015 eine weitere Untersuchung ähnlicher Missbrauchsfälle im Stift Kremsmünster veröffentlicht hatte. 2018 hat er mit dem IPP eine Studie zu sexualisierten Gewalt in der Odenwaldschule abgeschlossen.

 

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