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Kann man vom Fußball fürs Leben lernen?
11 Behauptungen

Prof. Dr. Klaus Hansen

14.07.2014 | Schwerpunkte Kommentare (0)

Die 20. Fußball-Weltmeisterschaft ist zu Ende. Es ist meine vierzehnte gewesen. Der 4. Titel für die deutsche Mannschaft ist der nach 1954 wichtigste, weil im Land und gegen den Rekordweltmeister Brasilien errungen und außerdem ohne begünstigende Elfmeterentscheidungen (wie 1974 und 1990) im Endspiel. Die Spiele habe ich am heimischen Fernseher oder im Public Viewing auf Marktplätzen und Fan-Meilen verfolgt. Zwischen den Spielen stand die Lektüre zweier Bücher auf dem Programm: “The Numbers Game” von Chris Anderson und David Sally, 2013 in London erschienen, und “Fußball – eine Kulturgeschichte” von Klaus Zeyringer, 2014 in Frankfurt am Main erschienen. Aus diesen drei Quellen, der Beobachtung der WM-Spiele und der Rezeption eines fußballanalytischen und eines fußballhistorischen Sachbuchs, speisen sich meine Überlegungen. Und natürlich aus jahrzehntelanger Fußballanhängerschaft. Als ich Ben, meinem 10-jährigen Nachbarsjungen, gegen Mitternacht des 13. Juli zu erklären versuche, dass die deutsche Mannschaft zuletzt vor 24 Jahren einen WM-Titel gewonnen hat, schaut mich der aufgeweckte Knabe erstaunt an: „Dann bin ich ja 34, wenn die wieder gewinnen!“ – Ja, mein Lieber, das kann gut sein. Und ich bin dann schon tot. Bereits 1966 schrieb der Schriftsteller Manfred Hausmann, ein Fußballspiel sei eine ins Spielhafte übertragene und verdichtete Lebenswirklichkeit, eine „Lebenswirklichkeit im Brennspiegel“. Versuchen wir, im Orakel des Brennspiegels ein wenig zu lesen, um Antworten auf die Frage zu finden, ob man in der Schule des Fußballs fürs Leben lernen kann. Von Gemeinplätzen soll dabei nicht die Rede sein: Nicht nur im Fußballspiel, sondern in jedem Spiel lernt man sich an „Regeln“ zu halten und mit Regeln umzugehen. Nicht nur im Fußballsport, sondern in jedem sportlichen Wettkampf lernt man die „Fairness“ zu achten und geschickt zu interpretieren. Das alles ist bekannt und bedarf keiner Wiederholung. Aus Respekt vor der im Fußball heiligen Elfzahl beschränke ich mich im Folgenden auf 11 Behauptungen, warum der Fußball für uns Zuschauer eine besondere Schule des Lebens ist.

1 Fehlerfreundlichkeit

Im Fußballspiel versucht der Mensch ohne Not und aus freien Stücken etwas zu können, was er nicht können kann: hochelastische Kugeln mit dem niederen Organ der Füße zu beherrschen. Der konvexe Ball trifft auf den konvexen Fußspann: Das Misslingen ist vorprogrammiert. Das unterscheidet das Fußballspiel grundsätzlich von allen Ballsportarten, bei denen die Hände im Spiel sind. Mit Händen kann man Besitzansprüche an das Spielobjekt stellen, mit Füßen nicht. Deshalb ist das Wort “Ballbesitz” beim Fußballspiel stets in Anführungszeichen zu setzen. Die Unfähigkeit des Fußes erlaubt es dem Ball ein Eigenleben zu führen, durch das das Fußballspiel spannender als andere Wettkämpfe wird, weil die Zahl unvorhersehbarer und unvordenkbarer Verläufe größer ist. - Weil im Fußball so vieles daneben geht – Pässe über kurze Distanz kommen nicht an, Torschüsse landen auf dem Tribünendach und der Elfmeter nietet die Eckfahne um - lehrt das Spiel uns, mit unserem Nichtkönnen, unserem Unvermögen, unserem Versagen Frieden zu schließen.

2 Geduld

Statistik ist gelegentlich lehrreich. Durchschnittlich 14 mal schießt eine Bundesliga-Fußballmannschaft pro Spiel aufs Tor. Im Handball liegt diese Ziffer bei 40, im Basketball bei 100. Beim Handball fällt andauernd ein Treffer, beim Basketball andauernd ein Korb. Handballspiele, die nach 60 Minuten 30:30 enden, sind nicht selten. Fußballspiele, die nach 90 Minuten 0:0 enden, ebenfalls nicht. Statistisch betrachtet, fällt beim Fußball nur alle 69 Minuten ein Tor. Im WM-Finale 2014 fiel in der 117. Minute das einzige und entscheidende Tor, drei Minuten bevor das Regelwerk die Geduld mit dem 90-minütigen Spiel verliert. - Fußball lehrt uns, bei der Erfüllung der Wünsche (Tore) geduldig zu sein. Fußball ist ein Sport des Belohnungsaufschubs. Und die Seltenheit des Gelingens macht die Freude um so größer.

3 Ineffizienz lohnt sich

Im Championsleague-Finale 2010 zwischen Bayern München und Inter Mailand zählten Statistiker 2842 Spielaktionen auf dem Feld. 2 davon waren die Tore, beide für Inter Mailand. Kein anderer Sport verlangt so viel Aufwand, bevor irgendwas passiert, was wirklich den Ausschlag gibt. Dieses Missverhältnis von Aufwand und Ertrag widerspricht dem modernen Effizienzstreben und dem modernen Adhocismus, der alles auf der Stelle will, und zwar “subito!” - Jedes Fußballspiel lehrt uns, die Ineffizienz zu schätzen und uns von der Vergeblichkeit unserer Anstrengungen nicht einschüchtern, sondern geradezu anspornen zu lassen. Gäbe es einen Heiligen des Fußballspiels, wäre es wohl Sisyphos.

4 Humaner Fatalismus

Fußball ist und bleibt, bei aller Professionalisierung und Kommerzialisierung, ein fifty-fifty-Spiel. Die Hälfte aller Tore und Ergebnisse kommt nicht durch Qualität und Können zustande, sondern durch Zufall und Glück. (“Manchmal gewinnt sogar der Bessere”, hat Lukas Podolski treffend festgestellt. “Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu”, erklärt Stürmer Wegmann die Niederlage seiner Mannschaft völlig korrekt.) Statistisch ausgedrückt: Erst bei 3 bis 4 Toren mehr als der Gegner kann man sagen, die bessere Mannschaft habe gewonnen. Bei allen anderen Siegen mit geringerem Torabstand ist es die glücklichere Mannschaft. - Fußball lehrt uns, unsere Rechnungen nicht ohne die Unwägbarkeiten und Ungerechtigkeiten von Glück und Pech zu machen.

5 Die Schwachen stärken

Gibt es in Fußballmannschaften “den einen, der den Unterschied ausmacht”? Gemeinhin wird darunter der “Super-Star” verstanden, der seine Mitspieler weit überragt. Genau der macht allerdings, wenn es um die statistische Betrachtung von Siegen und Niederlagen über einen längeren Zeitraum geht, nicht den Unterschied aus. “Super-Stars” sorgen für Geniestreiche, einen großen Haufen verkaufter Trikots und dafür, dass sie ihren Mitspielern die Show stehlen. Spiele entscheiden sie nur in seltenen Fällen. (Man betrachte die Fälle Ronaldo und Messi bei der gerade zu Ende gegangenen WM.) Für Erfolg und Misserfolg sind, statistisch betrachtet, die schwächsten Glieder einer Mannschaft ausschlaggebender als die stärksten. Der eine, der den Unterschied ausmacht, ist also der “Ausfall”, nicht das “Genie”. - Fußball ist kein Spiel des stärksten, sondern des schwächsten Glieds. Jede Mannschaft ist nur so stark wie ihre schwächsten Spieler. Die Stärksten gewinnen keine Spiele, aber die Schwächsten verlieren sie. Also kommt es nicht in erster Linie darauf an, die Hochbegabten zu hätscheln, sondern die Schwachen stärker zu machen.

6 Keine Unterwürfigkeit

Extraklasse und Kreisklasse, Weltmeister und Waldmeister liegen in einem hochklassigen Fußballspiel so eng beieinander wie bei bei keiner anderen Sportart. Auch dem weltbesten Fußballer misslingen Aktionen, von denen die Sofakartoffel zu Hause vor dem Bildschirm mit Recht sagt: “Das hätte ich jetzt aber besser gemacht!” Im Fußballspiel macht sich der kleine Mann “hier unten” gemein mit den großen Stars “da oben” und kann sich manchmal sogar über sie erheben und sich zu recht einbilden, besser als sie zu sein. - Fußball lehrt uns, “oben” und “unten” als flexible Kategorien zu betrachten und eine antiautoritäre Haltung einzunehmen.

7 Besitz wird überschätzt

Von “hohem Ballbesitz” spricht man, wenn eine Manschaft viel am Ball ist. Hoher Ballbesitz ist aber keine Garantie für viele Tore. Die Gleichung “Viel am Ball - viele Tore” geht nicht auf. Anders herum wird ein Schuh draus: “Viel am Ball - wenig Gegentore”. Denn “solange wir den Ball haben, hat ihn der Gegner nicht.” (Pep Guardiola) – Jedes Fußballspiel lehrt uns zu verstehen, dass “Besitz” eher eine konservative Größe ist.

8 Schule des Altruismus

Das Subjekt des “Ballbesitzes” ist die Mannschaft, also das Kollektiv. “Ballbesitz” verwirklicht sich erst im Zusammenspiel, in der Kooperation. Indem man “abgibt”, besitzt man, nicht, indem man an sich reißt und für sich behält. Eine Mannschaft ist im “Ballbesitz”, wenn sie den Ball in den eigenen Reihen zirkulieren lässt. Das deutsche Wort “Mannschaft” ist inzwischen in die englische, französische und spanische Sprache eingegangen, um die deutsche Fußballnationalelf zu kennzeichnen. Andere Teams werden auf einen “Messi” oder “Ronaldo” reduziert, Deutschland ist “la Mannschaft”. – Fußball lehrt uns die individuelle Artistik in den Dienst des Kollektivs zu stellen. “Mannschaftsdienlichkeit” ist die erste Tugend des guten Fußballers, denn von einem “Star” zu reden, ist nur dann erlaubt, wenn damit die funktionierende Mannschaft gemeint ist: Altruismus geht vor Egoismus.

9 Zum Abschluss kommen

Im Auge des Zuschauers, zumal des Fans, ist die Abwehrleistung einer Mannschaft immer im Nachteil gegenüber der Offensivleistung. Ein im Netz zappelnder Ball löst größere Gefühle der Freude aus als ein vom eigenen Verteidiger mit letzter Kraft von der Linie gekratzter Gegentreffer. Wer vom Publikum geliebt werden will, der muss treffen, nicht verhindern. Seit 23 Jahren wird jährlich der “Weltfußballer” gewählt. Nur ein einziges Mal ist diese Ehre einem Abwehrrecken zuteil geworden: Fabio Cannavaro, 2006. – Jedes Fußballspiel lehrt uns die Vorzüge des Vollstreckens. Finalisieren geht vor Blockieren.

10 Tatsachen anerkennen

Die Regelhüter des Fußballspiels sind dem Geschehen auf dem Spielfeld, das dank der Professionalisierung immer schneller und dynamischer wird, kaum mehr gewachsen. Obwohl es inzwischen acht Augen sind, die sich auf das Spiel richten und nicht mehr nur zwei, wie in der Frühzeit des Fußballs. Um so wichtiger, die häufiger werdenden Fehlentscheidungen der Schiedsrichter als “Tatsachenentscheidungen” anzuerkennen, wie es die Regel vorsieht, und sie nicht durch vermeintlich “objektive” Videobeweise zu ersetzen. Auch Videotechnik ist, mit Thodor Fontane zu sprechen, nur “Tand, Tand aus Menschenhand”. – Fußball lehrt uns, Tatsachen als das zu erkennen, was sie sind: Sachen, die von fehlbaren Menschen getan werden. Das unterscheidet Tatsachen von Realitäten.

11 Wider die Expertengläubigkeit

Fußball-“Experten” scheint es wie Sand am Meer zu geben. Sie sind schon deshalb eine besondere Spezies, weil sie sich selbst dazu ernennen oder von Gutgläubigen und Ahnungslosen dazu ernannt worden sind. Vor dem Turnier in Brasilien behaupteten Experten mit großer Überzeugung, dass Spanien der Topfavorit auf den Turniersieg sei. Als Spanien bereits nach dem zweiten von sieben möglichen Spielen ausgeschieden ist, erklärten uns dieselben Experten, warum es so und nicht anders kommen musste. Steif und fest behaupteten Experten vor dem Turnier, dass europäische Mannschaften in Südamerika nicht gewinnen können. Als es am Ende dann doch Deutschland ist, kam kein Ton des Selbstzweifels oder der Scham über ihre Lippen. – Experten sind Garanten für die Banalität, dass man hinterher immer schlauer ist als vorher, ohne dass man dadurch irgendetwas hinzulernt, etwa Vorsicht oder gar Bescheidenheit. – Fußball lehrt uns, eine gesunde Skepsis vor Experten zu entwickeln. Schon der deutsche Name, “Fach-Leute”, sollte uns warnen.

Fazit

Der Fußball repräsentiert wie kaum ein anderes Spiel die Winkelzüge des Schicksals, die unser Leben prägen. Darum ist es richtig, in Anlehnung an den Kulturanthropologen Clifford Gerz von einem „tiefsinnigen Spiel“ zu sprechen. Klar, dass sich Leistung lohnen muss; aber ohne Glück und Zufall, Willkür und Schwindelei führt Leistung im Fußball nicht zum Erfolg. Klar, dass Fairness oberstes Gebot ist; aber auf dem Platz gilt: Erlaubt ist alles, was keiner sieht. Als freundliche Aufforderung formuliert: Genieße die seltenen Augenblicke des Glücks und hadere nicht mit deinem Pech. Gehe davon aus, dass daneben geht, was daneben gehen kann, aber versuch’ es unverdrossen weiter. Und zwar im Team, denn „allein machen sie dich ein“ (Franz Beckenbauer). Und immer dran denken: Das Spiel ist nicht vorbei, ehe es vorbei ist. – Ein Fußballspiel, richtig gelesen, verleiht nicht nur eine schlitzohrige Lebenstüchtigkeit, sondern macht geradezu lebensklug.

Autor
Prof. Dr. Klaus Hansen
Klaus Hansen ist Professor für Politik- und Kommunikationswissenschaften an der Hochschule Niederrhein. Seit vielen Jahren verfasst er Buchbesprechungen für den Rezensionsdienst von socialnet. Als freier Autor veröffentlicht er Fußballgeschichten, zuletzt: „Jedem Anpfiff wohnt ein Zauber inne“, Mannheim: Kunstanstifter Verlag, 2014
E-Mail: kphansen@gmx.de

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